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Entlang der "Werre" in Hiddenhausen

(Wanderung Nummer 13)

 

Treffpunkt Naturkundlich-historische Wanderung Nummer 13

Treffpunkt für geführte Wanderungen

Ecke Klärweg / Fischerpatt in Schweicheln-Bermbeck

 

Dauer der Wanderung: etwa 2,5 Stunden

Strecke: 4,9 km

 

 

Ein Fluss braucht von Natur aus viel Platz. In weiten Schlingen, Mäander genannt, sucht er sein Bett. Bei Hochwasser wird die durch die Kurven enorm verlängerte Strecke abgekürzt, Ufer brechen ab und weite Flächen werden überschwemmt. Diesen natürlichen Überschwemmungsbereich nennt man die Aue. In ihr gestaltet die dynamische Kraft des Flusses Landschaft um und erschafft Lebensräume immer wieder neu. Das Wasser der Werre floss früher so langsam, dass sich Sand und Lehm im Fluss und in der Aue ablagern konnten. Das Gelände war deshalb an vielen Stellen buckelig. Die Ufer waren mit dichten Gehölzsäumen, meist Erlen und Weiden, bestanden.

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts schwammen in der Werre Lachse, Hechte und Forellen. Heute dominieren Fischarten wie Rotauge, Aal und Barsch. Bereits im Mittelalter war das Rotauge neben den großen Wanderfischarten (wie beispielsweise dem Lachs) ein bedeutender Wirtschaftsfisch. Jeder Werreanwohner fischte, nicht nur zum Eigenbedarf. Die Fischer lieferten ihren Fang an den Fischmarkt in Minden, der bereits im mittelalterlichen Westfalen überregional bekannt war.

Erläuterungen zu den Stationspunkten der Wanderung

1.) Blick in die Flusslandschaft

Schaut man heute auf das ruhig fließende Wasser, glaubt man kaum, dass es noch vor einigen Jahrzehnten des öfteren Hochwasser gab. Für viele Anwohner galt die Faustregel, dass nach 24 Stunden Regen der Fluss über die Ufer trat. Bei einer der größten Hochwasserkatastrophen, am 8. Februar 1946, lag die Herforder Innenstadt unter Wasser.

Die Werre ist der längste Fluss des Kreises Herford: Nach 69 km Fließstrecke mündet sie in die Weser. Ursprünglich war die Werre 100 km lang und nur 1 – 1,50 m tief. An flachen Stellen konnten die Bauern noch in diesem Jahrhundert mit Fuhrwerken durch den Fluss fahren. Durch die Flussregulierung wurden die meisten Mäander begradigt und der Fluss erheblich verkürzt.

2.) Angelgewässer

Altarme sind ehemalige Mäander, die oft keine direkte Verbindung mehr zum Fluss haben. Sie wurden an der Werre überwiegend zugeschüttet oder überbaut. Einige wurden aber auch in Fischteiche umgewandelt. Dieses Angelgewässer zeichnet sich durch steile Ufer und Bepflanzung mit nicht einheimischen Gehölzen aus. Durch starke Uferabflachungen würde sich ein Bewuchs aus heimischen Pflanzenarten wie Schilf, Weidenröschen und Blutweiderich entwickeln, der Fischen, Vögeln und Insekten Versteck und Nahrung bieten könnte. Ein Gehölzsaum aus Holunder, Schlehen und Heckenrosen statt der Anpflanzung von Fichten, Forsythien und anderer Exoten böte Früchte und Deckung für viele Vogelarten. Nach einer Verringerung des Fischbestandes könnten sich der Laich von Fröschen und Kröten und die Larven von Insekten besser entwickeln.

3.) Der Fluss als Lebensader und Grenze

Der Fluss ist die unverzichtbare Lebensader für die Entwicklung zahlreicher Tierarten und überbrückt weite Strecken in der Landschaft. Fische, Krebse, Insektenlarven, aber auch Pflanzensamen werden vom Wasser transportiert. Für den Menschen ist ein Fluss zunächst ein Hindernis. Die Werre war sogar Staatsgrenze: 1811 bis 1813 zwischen Frankreich und dem Königreich Westfalen. Für viele Anrainer der Werre war diese Zeit sehr schwer, die Bauern konnten ihre „französischen“ Äcker kaum bestellen und mussten ihre Feldfrüchte nachts heimlich nach Herford schmuggeln. Aber auch heute noch ist die Werre eine kommunale Grenze zwischen Herford, Hiddenhausen, Kirch­lengern und Löhne.

4.) Grünland und Acker

Der natürliche Pflanzenbewuchs entlang der Werre wäre ein Erlen-Eschen-Auenwald, der sich als schmales Band an den Ufern entlangziehen und an flacheren Stellen auch kleine Wälder bilden könnte. An sonnigen, strömungsarmen Uferabschnitten fände man einen Saum aus Schilf oder anderen Röhrichtpflanzen. An höheren Stellen der sogenannten Terrassen würden alte Eichen­wälder wachsen, von denen heute nur noch kleine Überreste zu sehen sind.

Mit der Begradigung der Werre wurde der gesamte Gehölzsaum beseitigt. Die Fließgeschwindigkeit erhöhte sich und es kam zu Uferbeschädigungen, die massive künstliche Uferbefestigungen nötig machten. Die unteren Bereiche der Werre-Terrassen werden auch heute noch überwiegend als Grünland genutzt. Ackerboden würde bei Überschwemmungen im Winter abgeschwemmt. Die oberen Lagen in der Aue aus nährstoffreichen Lehmablagerungen sind fast ausschließlich in der Ackernutzung. Die Grünlandflächen werden bis zum Uferrand beweidet, Bäume und Sträucher können nicht aufkommen. Durch die fehlende Beschattung des Gewässers erwärmt sich dieses und kann weniger Sauerstoff aufnehmen, die Selbstreinigungskraft lässt stark nach. Ufergehölze aus Erlen und Weiden tragen also zu einer Verbesserung der Wasserqualität bei.

5.) Wasservögel und Wasserqualität

Flüsse mit beruhigten Abschnitten sind wichtige Rückzugs­gebiete für viele Wasservögel. Im Winter, wenn sie ihre nördlichen Brutplätze verlassen müssen, rasten auf der Werre Zwergtaucher, Reiherenten, Gänse- oder Zwergsäger, Kormorane und andere. Vor allem wenn stehende Gewässer und kleinere Fließgewässer zufrieren, wird die (heutzutage) immer eisfreie Werre zu einem wichtigen Rastplatz. Auch Brutvögel der Region, wie beispielsweise der Eisvogel, nutzen die Flussschleifen nördlich von Herford als nah gelegenes Winterquartier. Vor allem der auffällige Kormoran ist häufiger Gast an der Werre. Gut zu sehen sind die großen schwarzen Vögel, wenn sie in hohen Bäumen rasten, deren kahle Äste durch die häufigen Besuche weiß von Kot sind.

Vor gut 100 Jahren untersuchte der bekannte Naturschriftsteller und Naturforscher Hermann Löns (1866 – 1914) die Schnecken und Muscheln der Werre. In einer 1894 erschienenen Arbeit erwähnt er unter anderem Arten wie die Große und die Kleine Flussmuschel und die Flusskugelmuschel: Muscheln, die bei der heutigen Gewässergüte nicht mehr leben können. Die Werre gilt heute als stark bis sehr stark verschmutzt.

Badevergnügen und Freizeitspaß waren an der Werre bis in die 50er Jahre noch üblich. Der Fluss bot ideale Bedingungen: flache Sandbänke, tiefe Stellen zum Schwimmen und Wiesen zum Aus­ruhen. Seit 1954 war das Wasser aber so verschmutzt, dass es mit dem Baden aus gesundheitlichen Gründen vorbei war.

6.) Hofstelle

Im weit geöffneten Tal der Werre findet sich die traditionelle Bebauung in angemessener Entfernung vom hochwassergefährlichen Fluss. Ein für die Region typischer Bauernhof steht erhöht auf einer Terrassenkante. Als Wind- und Wetterschutz dient eine Eichengruppe. An zu steilen Bereichen ist keine Nutzung möglich, hier bringen Hecken und kleine Gehölze Strukturen in die Landschaft. Hier kann das Rebhuhn unterschlüpfen, die Gold­ammer hat eine Singwarte, Hasen finden Verstecke und der Mäuse­bussard kann für die Mäusejagd ansitzen.

7.) Mäander

Im Bramschebach stehen Erlen und Weiden als wichtige Bestandteile der natürlichen Ufervegetation, die an der Werre leider fast vollständig fehlen. Die wichtigste Art ist die Erle, die mit ihren Wurzeln auch in sauerstoffarmen Boden vordringen kann und die damit die ideale Baumart zur Uferbefestigung ist. Im Bach sieht man deutlich Verschiebungen und Uferabbrüche; oft bleiben die Erlen aber auch dann noch stehen, wenn sie auf einer Insel im Gewässer wurzeln. Nach der Mündung des Bramsche­baches bildet die Werre einen gewaltigen Mäander.

8.) Bahndamm

Schon 1846 wurde das Werre-Ufer Schauplatz eines großen Verkehrsprojektes: Die Köln-Mindener Eisenbahn wurde voran­getrieben. Weil Brücken oder sogar Viadukte die Bauherren und deren Kassen überforderten, wurde ihr Bau, so weit es eben ging, durch Aufschüttungen umgangen. An der Werre wurden durch massive Erdarbeiten, die von Hand durchgeführt werden mußten, ganze Uferstrecken und sogar eine große Flussschleife (in der Höhe der Einmündung des Düsedieks­baches bei der Mühle Wöhrmann) dem ehrgeizigen Projekt geopfert. Hier sieht man am gegenüberliegenden Ufer eine hohe Aufschüttung, die den Bahnkörper trägt und das Flussufer erheblich eingrenzt und beengt.

Ein besonders einschneidendes Projekt war noch 1919 im Gespräch. Die Werre sollte für sogenannte Normalschiffe (65m lang, 8 m breit und mit 1,75 m Tiefgang) ausgebaut werden. Der Plan wurde letztendlich aus Kostengründen nicht umgesetzt – zum Glück, man würde die Werre heute nicht mehr wiedererkennen.

9.) Verwilderter Obstgarten

An den Torpfosten, Ziegelresten und verwilderten Obst­bäumen kann man erkennen, daß sich hier einmal ein Hof­gebäude mit einem großen Obstgarten befand. Auch die schon lange nicht mehr gepflegten Bäume entlang des Weges lassen auf eine Obstbaumallee schließen. Nach Aufgabe der Hofstelle wuchsen Brennnesseln auf, Gehölze, wie Holunder, siedelten sich an und mit der Zeit legte sich ein Schleier von Waldrebe und Brombeeren über die Fläche. Später wird sich ein undurchdringliches Gebüsch entwickeln und die Natur hat sich ein Fleckchen zurückerobert.

10.) Abbruchkanten und Eisvogel

An der Werre entstehen Abbruchkanten, wenn das unbewachsene und wenig befestigte Ufer vom Wasser untergraben wird. Aber auch mit Bäumen dicht bestandene Abschnitte können abbrechen, wie einige Stellen beispielsweise am Bramschebach zeigen. Nicht wenige Tier- und Pflanzenarten sind auf Abbruchkanten als Lebensraum angewiesen; die Erle braucht für die Ausbreitung ihrer Samen vegetationsfreien Boden. Der Eisvogel baut in den steilen Kanten seine Bruthöhlen und die letzten Uferschwalben im Kreis Herford brüten in einer Steilwand an der Werre. Der Flussuferläufer ist bis in den Sommer hinein ein häufiger Gast der Abbrüche und Sandbänke, wo er Nahrung sucht. Trotz vieler durchziehender Exemplare ist noch nie ein Brutnachweis an der Werre gelungen. Erst aufgeregt wippend, fliegt der kleine Vogel bei Annäherung auf und die Uferlinie entlang; wehmütig klingt sein flötendes „hi-di-dieh“.

11.) Weidengebüsch und Nachtigall

Zwischen Industrieansiedlung und Fluss hat sich hier ein Streifen naturnaher Vegetation mit dichten Weidengebüschen und Hochstaudenfluren ausgebildet. Diese „verwilderte“ Ecke ist ungenutzt, damit unzugänglich und bietet für die Natur eine der wenigen Möglichkeiten entlang der Werre, sich ungestört zu entwickeln. Im Frühjahr hört man an dieser Stelle den Gesang mehrerer Nachtigallen, die als typische Bewohner feuchter Gehölzdickichte gelten.