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Um »Stift Quernheim« in Kirchlengern

(Wanderung Nummer 10)

Treffpunkt für geführte Wanderungen

Kämpersiek, Parkplatz am alten Schützenplatz, Stift Quernheim

Dauer der Wanderung: etwa 2,5 Stunden

Strecke: 6,5 Kilometer

Das Kloster, später Stift Quernheim, hat mit seiner Geschichte die Orte der Umgebung und die Landschaft geprägt. Bis heute zeugen Straßen-, Flur- und Ortsnamen, wie Stiftstraße, Stiftsfeld, Klosterbauerschaft, Klosterhofstraße und Klosterheide davon.

Erläuterungen zu den Stationspunkten der Wanderung

1. Hohlweg

Dieser kleine Hohlweg ist in vielen Jahrhunderten durch Wagenräder und Viehtritt entstanden. Die Lösswände können ein Mosaik von sonnig-trockenen Standorten mit Feldbeifuß, Adonisröschen und schattig-feuchten mit Moosen und Flechten oder sogar Helmknabenkraut bieten. Hohlwege sind Rückzugsbiotope für das gebietstypische Arteninventar, beispielsweise für Wildbienen und -wespen, die ihre Brutröhren in die besonnten Steilwände graben oder sie sind Jagdrevier für Springspinnen oder Rennfliegen. Hohlwege sind wichtige Verbindungsbiotope in der Landschaft, gelten als Be­sonderheit und Kultur- und Naturrelikt.

2. Das Kämperbachtal

Die Fließgewässer des Quernheimer Hügellands gehören zu den sommerkalten Forellengewässern. Sie fließen von Natur aus in einem Kerb- oder Muldental, mit einer mäßigen Strömung, die Schlingen und Kurven hervorbringt. Am Kämperbach kann wunderschön die Ausbildung von Gleithang mit Ablagerungen von Sand, Kies und Schlamm und Prallhang studiert werden. Dieser kleine Bach hat in den Jahrtausenden der Eiszeiten das weite Tal ausgewaschen, heutzutage fällt er im Sommer öfters trocken.

3. Kerbtal

Das Quernheimer Hügelland ist Teil der Ravensberger Mulde, die ein zwischen 100 und 200 Meter hohes Hügelland darstellt, das aber von vielen kleinen, tief eingeschnittenen Tälchen gegliedert wird. Keuper und Jura bilden den Gesteinsuntergrund, darauf liegt eine Lösslehmdecke wechselnder Mächtigkeit. Ihr heutiges Aussehen erhielt die Landschaft während der Eiszeiten. Die starke und wechselnde Wasserführung der Bäche durch die periodischen Auftauvorgänge der letzten Eiszeit führte zu starker Taleintiefung und -ausweitung. Die Sieke erhielten ihre charakteristische Form durch den Menschen. Viele solcher tiefen Tälchen wurden in der Vergangenheit verfüllt oder aufgeweitet. Dass dieses hier in unserer dicht besiedelten Landschaft sehr ursprünglich erhalten wurde, ist ein kleines Wunder.

4. Der Räudenbach

Der Räudenbach schlängelt sich hier in einem naturnahen Bett mit Gleit- und Prallhängen durchs Tal. In den hohen Abbruchkanten findet der Eisvogel Nistmöglichkeiten und die Kies- und Sandbänke können Laichgründe für die Fische darstellen. Die Wassergüte ist mit "mäßig belastet" recht gut. Gründling, Dreistachliger Stichling und Flußbarsch sind typische Bewohner eines solchen sommerkalten Forellenniederungsbachs. Der Erlensaum gewährleistet mit seiner Beschattung ganzjährig eine Wassertemperatur von 10 bis 12°C.

5. Ein ehemaliger Stiftshof

Hier stand schon im 12. Jahrhundert ein Stiftshof, Hof Nummer 3, der Halbmeier Bartelheimer, der seinerseits auf einem Hof aus fränkischer Zeit (um 900) aufbaute. Bei der Gründung des Klosters wurden diesem nicht nur Land, sondern auch tributpflichtige Höfe mitgegeben, damit eine wirtschaftliche Grundlage, aber auch ein gewisses Machtpotential vorhanden war. Die Bauern zahlten Abgaben teils in Naturalien, teils in Geld, mussten Arbeit auf den Äckern des Stifts, Hand- und Spanndienste leisten. Sie waren Hörige des Stifts und genossen dafür dessen Schutz und seine Gemeinschaft. Auf ihren Höfen aber waren sie erbberechtigt. Stift und Hörige hatten gegenseitig Rechte und Pflichten. Die Bauern von Klosterbauerschaft waren zehntfrei. Ab 1648 mussten die Bauern noch Steuern an den Kurfürst von Brandenburg zahlen. Nach der Bauernbefreiung 1808 konnten sie ihren Hof dem Stift abkaufen, durch Aufteilung der Marken und Zukauf weiterer Flächen auch vom Stift vergrößerten sich die Höfe. Heute wirtschaftet hier ein moderner Vollerwerbslandwirt.

6. Hochsitz

Der Kreis Herford besteht aus 10 Hegeringen und ist in 83 Jagdbezirke eingeteilt. Etwa 3/4 der Bezirke sind verpachtet, der Rest ist Eigenjagd. Hauptjagdwild sind Rehe, Feldhasen, Wildkaninchen, Füchse, Fasanen, Ringeltauben und Stockenten. Die Jagd diente früher dem Nahrungserwerb, heute der Regulierung von Tierarten und der Freizeitgestaltung. Jagd wird sehr kontrovers und emotional diskutiert. Hochsitze, Futterstellen und Wildäcker sind ihre sichtbaren Zeichen in der Landschaft. Mangelnde Naturverjüngung im Wald oder Wildverbißschäden an Bäumen und Sträuchern sowie an Feldfrüchten sind Anzeichen eines zu hohen Wildbestandes in unserer dicht besiedelten Landschaft, in der keine größeren Raubtiere mehr leben. Hohe Fallwildzahlen durch den Autoverkehr vor allem beim Rehwild und der Wunsch nach Prestigetrophäen halten die Bestandsdichten hoch. Gefährdete Tierarten, die - obwohl sie auf der Roten Liste stehen - als jagdbares Wild gelten, werden von den Herforder Jägern meistens geschont.

7. Im Naturschutzgebiet Rehmerloh-Mennighüffer-Mühlenbachtal

Der Rehmerloh-Mennighüffer-Mühlenbach und seine vielen Nebenbäche sind mit Ausnahme der besiedelten Bereiche als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Sie haben ein Einzugsgebiet von 71 km² und eine Fließstrecke von etwa 11 Kilometer. Die abwechslungsreiche Morphologie des Quernheimer Hügellandes und die menschliche Nutzung bedingen ein vielfältiges Mosaik an Lebensräumen: an den nicht oder wenig ausgebauten Abschnitten steht ein Bach-Erlen-Eschenwald. Grünland, Feuchtwiesen, Hochstaudenfluren, Bruchwald und Felder finden sich im Tal. Auch an dieser Stelle sind Weideland, Acker und Brache die Nutzungsformen im Naturschutzgebiet.

8. Stift Quernheim

1147 stellte die Familie von Quernheim mit Klosterbauerschaft und Stiftsfeld Teile ihres Besitzes für die Errichtung eines Frauenstifts zur Verfügung. Bis 1648 gehörte es zum Bistum Osnabrück, dessen Bischof Philipp als Gründer angesehen wird. Die Kanonissen gehörten zum Augustinerorden waren aber keine Nonnen, sondern unverheiratete Töchter des niederen westfälischen Adels, manche traten wieder aus und heirateten. Die Leitung lag zuerst in den Händen einer Priorin, später einer Äbtissin, die von einem Probst für die Seelsorge und ab 1636 von einem Amtmann in der Gutsverwaltung unterstützt wurde. Die Stiftsdamen betrieben auf dem "Stiftsfeld" ihre Eigenwirtschaft, sie hielten eine Kuh- und eine Schafherde, Schweine und Gänse und bauten Getreide und Flachs an. Daneben besaß das Stift viele tributpflichtige Höfe, die weit über Quernheim hinaus verstreut lagen. Stift Quernheim galt als erfolgreiches, von geach­­teten Frauen geführtes Wirtschaftsunternehmen, das auch seiner sozialen Verantwortung nachkam.

Um 1170 wurde als erster Teil der heute noch erhaltenen Stiftskirche eine dreischiffige Gewölbebasilika und der dreiteilige Westbau errichtet. Der Westbau wurde um 1220 abgebrochen und ein Turm errichtet. Bis um 1555 erfolgten weitere Anbauten, die der Kirche ihr heutiges Aussehen gaben. 1867 wurden die Trennwände der Unterteilung der Kirche in Stift- und Pfarrkirche herausgenommen. Die Kanonissen wohnten mit ihrem Gesinde, meist einer Kammerjungfer und einer Magd, in doppelstöckigen Fachwerkhäusern, den Konventskurien. Zum Stift gehörten noch ein Amtshaus, das Küster-, Pfarr- und das Schulhaus, der Nebenchor der Kirche, die Kapitelstube und das "Fräuleinhaus" für die Novizen. Dieses wurde 1972 als "Landgerichtsgebäude" abgerissen. Das "Herrenhaus" wurde wohl auf den Grundmauern des alten Hauses der Äbtissin um 1676 neu gebaut. Nachdem 1834 Bacmeister Eigentümer des Stifts wurde, erhielt das Haus seinen heutigen Namen und wurde auch zweimal vergrößert. Von 1976 - 1991 wurde es renoviert und dient heute der Stiftung für die Natur- Ravensberg und der Biologischen Station Ravensberg als Domizil. Seit 1226 ist der Betrieb einer Stiftmühle belegt. Dafür wurde der Mühlenbach an die Talseite gelegt und ein bis heute erhaltener Mühlenteich angelegt. Das Stift besaß insgesamt 3 Wassermühlen.

Ab 1532 entwickelten sich Kloster und Stift Quernheim zum freiweltlichen Stift für evagelische unverheiratete Damen. 1810 löst Jeromes, König von Westfalen das Stift auf, die Güter fielen an den preußischen Staat. Von 1816 - 1832 war es preussische Staatsdomäne, danach als Gut Quernheim im Privatbesitz von Bacmeister. 1808 erfolgte die Befreiung der Bauern, so dass diese durch Zahlung entsprechender Beträge zu Eigentümern der von ihnen über Jahrhunderte bewirtschafteten Höfe, Kotten und Ländereien werden konnten. Ab 1860 wurden sowohl die Stiftsgebäude als auch die Flächen des "Stiftsfeld" verkauft: im Norden erfolgte die Besiedlung der ausgedehnten Ackerflächen in Streusiedlung, die restlichen Flächen im Süden wurden planmäßig besiedelt. 1865 wurde das preussische Rittergut Quernheim aufgelöst, 1939 das restliche Kirchenland auf dem Stockfeld durch den Staat enteignet und besiedelt.