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Pressemitteilungen

22.08.2017

Ungepflegt oder ökologisch wertvoll?

Kreis Herford. Hohes Gras oder Kräuter am Straßenrand, an Gräben oder Böschungen – oft sieht man sie schon von weitem. Am meisten fällt das im Herbst oder in Trockenzeiten auf. Dann nämlich, wenn die Pflanzen ihre Nährstoffe in den Wurzelbereich verlagern und sie sich dadurch braun färben. Neben den saftig grünen Rasen oder Wintergetreidefeldern sieht das dann schnell etwas schäbig aus. Doch diese „Schlamperei“ hat eine wichtige Funktion im Naturhaushalt. Die Samenstände bieten wichtige Nahrung für viele Singvogelarten und Igel, Mäuse oder Maulwürfe freuen sich über ausfallende Samen.

Auch Insekten fliegen im wahrsten Sinne des Wortes auf diese ungenutzten, wenig gepflegten Streifen. „An Straßen und Gräben sind es oft die einzigen Blütenpflanzen in einer sonst blumenleeren Landschaft“, erklärt Hannelore Frick-Pohl von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Herford: „Auf solchen ungenutzten Flächen sind dann auch öfter mal Rainfarn und Blutweiderich, Weidenröschen und Baldrian, die wilde Möhre, Wiesenflockenblume, das Habichtskraut, Pippau und manch andere Wiesenblume zu entdecken, die auf intensiv bewirtschafteten Wiesen oft ganz verschwunden sind.“

Dichtes Altgras, vertrocknete Blütenstände und hohle Stängel sind fürs menschliche Auge oft eher ein Übel – für Insekten sind es wahre Augenweiden, denn sie dienen als Unterschlupf, Kinderstube oder Winterquartier. Eier, Larven, Puppen von Käfern, Schmetterlingen, Heuschrecken aber auch viele Spinnenarten wachsen im Schutze dieser „Dickichte“. Vielen Spinnen dienen die Halme als Aufhänger für ihre Netze, vor allem den Arten der Radnetzspinnen. Mit Tau benetzt sehen sie kunstvoll und schön aus. Manche Arten wie die Wespenspinne verweben sogar Halme und Blätter des Grasdickichts und bauen so einen Ei-Kokon.

Das ganze Jahr über werden hochgewachsene alte Grasbestände und Hochstauden auch von Kleinsäuger, Amphibien und Reptilien genutzt. Sie finden hier Nahrung oder auch Deckung und Unterschlupf. Hasen und Rebhühner freuen sich ebenfalls über diese Verstecke. Sämereien und Früchte und die zahlreich vorkommenden Insekten und Spinnen bieten ein umfang- und abwechslungsreiches Nahrungsangebot mit Sichtschutz vor potentiellen Fressfeinden.

Das alles gilt natürlich auch für den Garten, wo sich die einheimische Tierwelt über Samenstände sowie Versteck- und Überwinterungsmöglichkeiten freut.

Nicht zuletzt verbinden diese unbewirtschafteten Streifen Biotope in der Landschaft. Sie sind oft nur kleinflächig, schmale Linien zwischen intensiven Nutzungen, können in der Summe aber eine größere Ausdehnung erreichen, denn man sieht sie überall.

Auch wenn ungemähte Flächen nicht dem eigenen Ordnungssinn entsprechen, richtige Schäden entstehen durch sie auch nicht. Im Gegenteil: Viele Pflanzen können hier ihre Samen ausreifen lassen, ausstreuen und dadurch die Art erhalten oder sich sogar wieder ausbreiten. Und genau aus diesen Flächen wachsen dann im kommenden Jahr vielleicht der leuchtend gelb blühende Rainfarn, die lilafarbene Flockenblume, der rote Mohn oder die blaue Kornblume – und bilden dadurch wahre Augenweiden auch für uns Menschen.