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Vom Sachsenherzog Wittekind bis heute

Ein Streifzug durch die Geschichte unserer Region

Nicht ohne Grund führt der Kreis Herford den Beinamen Wittekindskreis. Schon das Kreiswappen, ein schwarzes springendes Ross im silbernen Feld, ist auf das Engste mit dem legendären Sachsenherzog verbunden. Berichtet doch die Sage, Wittekind oder Widukind habe ein schwarzes Ross in seinem Wappen geführt und es nach seiner Bekehrung zum Christentum durch ein weißes ersetzt. Die Taufe Wittekinds in der Pfalz Karls des Großen zu Attigny im Jahre 785 besiegelte die Niederlage der heidnischen Sachsen, deren Anführer er gewesen war, in ihrem mehr als neun Jahre dauernden Kampf gegen die fränkischen Eroberer. Damit enden auch die zeitgenössischen Quellen über Wittekind. Was danach entstand, ist ein Mythos aus Sagen und Legenden, der bis in unsere Tage seinen Platz in der Tradition des Wittekindslandes behauptet.

Denkmal der Herforder StiftsdamenDer Kreis Herford liegt im Zentrum des sächsischen Siedlungsraumes. Auffallend viele Ortsnamen enden auf -hausen. Diese Endung lässt darauf schließen, dass es sich hierbei um altsächsische Siedlungen handelt, die zwischen 500 und 800 n. Chr. entstanden sind. Nach der Eingliederung in das Reich Karls des Großen wurde das Sachsenland nach fränkischen Vorbild in Grafschaftsbezirke eingeteilt. Die damit einhergehende Christianisierung erfolgte auf der Grundlage von Missionsbezirken, die wiederum den neu gegründeten Bistümern unterstellt waren. Das Gebiet des Kreises Herford gehörte im Mittelalter zu den Diözesen Osnabrück, Paderborn und Minden. Eine herausgehobene Stellung in der kirchlichen Hierarchie nahm das Stift Herford ein. 789 vom sächsischen Adligen Waltger oder Wolderus als Privatkloster gegründet, erhob es Kaiser Ludwig der Fromme im Jahre 823 zum Reichskloster. Schon bald galt es als das vornehmste der sächsischen Frauenstifte. Mathilde, eine Ur-Ur-Urenkelin Wittekinds, lebte hier, bevor sie 909 den Sachsenherzog und späteren deutschen König Heinrich I. heiratete.

Das sächsische Stammesherzogtum wurde 1180 mit der Absetzung Heinrichs des Löwen auf dem Reichstag von Gelnhausen zerschlagen. Weltliche wie geistliche Herren nutzen das entstandene Machtvakuum zum Ausbau ihrer Territorien. In unserem Raum gelang den Grafen von Ravensberg und den Bischöfen von Minden die Herausbildung einer eigenen Landeshoheit. Die meisten Orte im Kreis Herford gehörten zur Grafschaft Ravensberg. Nur der Nordosten lag im Herrschaftsbereich der Mindener Bischöfe. Stift und Stadt Herford nahmen wiederum eine Sonderstellung ein. Als Reichsstift war die Abtei bis zu ihrer Säkularisierung 1802 ein winziges, aber ohne Zweifel reichsunmittelbares Territorium innerhalb der Herforder Stadtmauern. Die Stadt selbst, als Mitglied der Hanse wohlhabend und selbstbewusst geworden, strebte den Status einer freien Reichsstadt an, was aber von den Ravensberger Grafen und ihren Rechtsnachfolgern nie anerkannt wurde.

Eine erste territoriale Flurbereinigung gab es im 17. Jahrhundert. Ravensberg (1614) und Minden (1648) kamen zu Brandenburg-Preußen. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm I. nutze die Gunst der Stunde und besetzte 1647 überfallartig die Stadt Herford, um auch sie seinem Staat einzuverleiben. Bis 1806 war Minden-Ravensberg ein Gebiet der preußischen Krone.

Ein kurzes, aber für die Geschichte des Kreises Herford entscheidendes Intermezzo war die Franzosenzeit. Die Zugehörigkeit zum Königreich Westphalen seit 1807 brachte weitreichende Reformen wie die Bauernbefreiung, die Einführung der Gewerbefreiheit und die Gleichheit aller vor dem Gesetz. Die starre feudale Ständegesellschaft aus Adel, Bürgern und Bauern hörte auf zu existieren. Ab 1810 gehörten die Gebiete nordwestlich von Aa und Werre zum französischen Departement de l’Ems supérieure und waren damit Teil des Kaiserreichs Frankreich. Nach der Niederlage Napoleons auf seinem Russlandfeldzug, dem auch viele in der französischen Armee dienende Männer aus dem Kreis Herford zum Opfer fielen, kam Minden-Ravensberg 1813 wieder zu Preußen.

Ansicht des historischen Herforder KreishausDie eigentliche Geschichte des Kreises Herford als administrative Einheit beginnt erst jetzt. 1815 wurde die Königlich Preußische Regierung im Weserlande zu Minden gebildet und die Einteilung des Regierungsbezirks in Kreise verordnet. Alle ansehnlichen Städte mit derjenigen Umgebung, die mit ihren städtischen Verhältnissen in wesentlicher Berührung stehen, sollten eigene Kreise bilden. Bünde und Herford gelang der Aufstieg zur Kreisstadt, Vlotho scheiterte.

Am 1. November 1816, dem Geburtstag unseres Kreises, begann die Tätigkeit der Kreisverwaltungen. An Spitze eines jeden Kreises stand ein vom König ernannter Landrat: Philipp von Borries in Bünde und Christoph Franz Wilhelm Haß in Herford. Diese erste Kreiseinteilung war nur eine provisorische. Schon bald regte die Regierung die Zusammenlegung kleinerer Kreise an. Am 1. Januar 1832 wurden die Kreise Bünde und Herford vereinigt, allerdings um den Preis der Abtretung einiger Bauerschaften an die Nachbarkreise Bielefeld, Lübbecke und Minden. Seitdem, also seit über 175 Jahren, hat sich der Gebietsbestand des Kreises Herford nicht mehr grundlegend verändert. Als Sitz der Kreisverwaltung gab man der größten kreisangehörigen Stadt Herford den Vorzug vor dem zentraler gelegenen Bünde. Landrat von Borries wurde nach Herford versetzt. Bis 1933 bekleideten Mitglieder seiner Familie in ununterbrochener Reihenfolge das Amt des Herforder Landrates.

1827 wurde mit der Kreisordnung für die Provinz Westfalen die Institution des Kreistags geschaffen. Zunächst nur ein den Landrat beratendes Gremium der Kreisstände aus Vertreten der Städte, des platten Landes und den Rittergutsbesitzern, erhielt der Kreistag im Laufe der Zeit immer mehr Verantwortlichkeiten übertragen. Namentlich ab 1886, als neben den staatlichen Verwaltungsbezirk Kreis Herford der Kreiskommunalverband als Gebietskörperschaft trat, waren der Kreistag und der von ihm gewählte Kreisausschuss die Träger der kommunalen Selbstverwaltung. Doch kann man wohl erst seit 1946, seitdem die Kreistagsmitglieder direkt von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt werden, vom Kreistag als einer echten Volksvertretung auf Kreisebene sprechen.

Im ersten Jahrzehnt nach seiner Gründung wurde der Kreis Herford von einer schweren Wirtschaftskrise getroffen. Die gute Konjunktur der hausgewerblichen Handspinnerei hatte im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Einwohnerzahl stark ansteigen lassen. Um 1800 war unsere Region die am dichtesten besiedelte in Nordwestdeutschland. Etwa Zweidrittel der Bevölkerung gehörte zur Schicht der Heuerlinge. Die Heuerlinge besaßen kein Grundeigentum, sie wohnten in sogenannten Kotten bei Bauern zur Miete. Ihr Einkommen erwirtschafteten sie in erster Linie mit dem Spinnen von Garn aus Flachs. Die Konkurrenz des industriell hergestellten Garns – die erste mechanische Baumwollspinnerei im Kreis wurde seit 1801 im ehemaligen Herforder Franziskanerkloster betrieben – führte zu einem rapiden Verfall der Garnpreise und machte die Handspinner arbeitslos. Die Hungersnot von 1830 ließ das Problem schlagartig deutlich werden. Um der Verelendung des Heuerlingsstandes entgegenzuwirken, kaufte der Kreis Herford mehrmals Ostseekorn an, das an Bedürftige verteilt wurde. Außerdem richtete er Strohflechtschulen mit dem Ziel ein, hier ein Ersatzgewerbe zu schaffen und versuchte, den Betroffenen im Rahmen von Notstandsarbeiten wie dem Neu- und Ausbau von Kreisstraßen, vorübergehend eine Erwerbsmöglichkeit zu geben. Dennoch blieb mehreren tausend Familien aus dem Kreis Herford nichts anders übrig, als ihre Heimat zu verlassen. Die meisten wanderten nach Amerika aus und siedelten im Mittleren Westen, wo heute noch viele ihrer Nachkommen leben.

Ein nachhaltiger wirtschaftlicher Aufschwung begann erst mit dem Entstehen neuer Industriezweige ab 1860. Eine herausragende Rolle spielte die Tabakindustrie. Sie konzentrierte sich auf das nordwestliche Kreisgebiet mit der Zigarrenstadt Bünde als Zentrum und beschäftigte hier in ihren Goldenen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg mehr als 12.000 Menschen. Nach ihrem Niedergang in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts spielt sie heute als Erwerbszweig keine Rolle mehr. Anders verhält es sich mit der holzverarbeitenden Industrie. Die erste Möbelfabrik im Kreis wurde 1861 in Herford gegründet. Bis vor wenigen Jahrzehnten prägten größere und kleinere Möbelbuden das Ortsbild so mancher Gemeinde. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden hier viele Vertriebene – 1949 gehörte fast jeder vierte Einwohner des Kreises dieser Bevölkerungsgruppe an – einen Arbeitsplatz. Die Möbelindustrie ist nach wie vor für die Wirtschaft im Kreis Herford von großer Bedeutung.

Wittekindsdenkmal in HerfordBevor wir unseren Streifzug durch die Geschichte des Kreise Herford beenden, kommen wir noch einmal zurück zu Wittekind. Nachdem er längere Zeit etwas in Vergessenheit geraten war, brachte ihn das 19. Jahrhundert umso nachdrücklicher in Erinnerung. Beginnend 1823 mit der feierlichen Rückführung seiner vermeintlichen Gebeine aus der Herforder Johanniskirche in die Stiftskirche zu Enger, wurden in der folgenden Zeit die zahlreichen mündlich überlieferten Wittekindssagen schriftlich dokumentiert und die bildende Kunst, in der gerade die Hinwendung der Romantik zum Germanentum en vogue war, nahm sich seiner an. Denkmäler – das bekannteste wurde 1899 in Herford eingeweiht – zeigen Wittekind, dem Zeitgeist entsprechend, in der Pose eines germanischen Helden. Logisch, dass er als Symbolfigur für die völkisch-nationalsozialistische Ideologie herhalten musste, jedenfalls so lange, bis siegreiche Eroberer wie Karl der Große den Verlierer Wittekind als Idol ablösten.

Gegenwärtig trifft man überall auf den alten Sachsen, und zwar nicht nur im Kreis Herford. Wittekind oder Widukind ist Namensgeber für Straßen und Schulen. Firmen, Vereine, Gaststätten, Apotheken schmücken sich mit seinem Namen. Sogar in abgewandelter Form ist er zum Markenzeichen geworden, zum Beispiel als widufix, wenn es bei einer Behörde besonders schnell gehen soll.

 
 
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